Selbstverwirklichung: Warum wir Frauen dafür keine Karriere brauchen
Vielleicht kennst du das Gefühl: Du scrollst durch soziale Medien oder beobachtest andere Frauen in deinem Umfeld und denkst: „Wie macht sie das nur? Wie stark sie doch ist! Wäre ich nur ein klein wenig wie sie!” Und du selbst fühlst dich in deinem eigenen Leben mehr wie ein Statist im eigenen Chaos…
Wir setzen uns oft selbst unter Druck, weil wir versuchen, einem Idealbild zu entsprechen, das es in der Realität gar nicht gibt. Dieser vermeintliche Schein sorgt dafür, dass wir uns in schwachen Momenten schnell als Versager fühlen.
Um diesem Druck entgegenzuwirken und weil ich mir mehr Ehrlichkeit und Offenheit unter uns Eltern wünsche, möchte ich für meinen Blog etwas Neues wagen:
Ich möchte euch in Interviews eine Stimme geben und damit einen Blick hinter die Fassaden ermöglichen!
Meine erste Interviewpartnerin dafür ist Franziska Hetzenecker. Ich bin ihr das erste Mal beim „Women in Tech“-Event begegnet, bei dem ich einen Vortrag halten durfte. Franziska ist mir sofort ins Auge gestochen, denn sie hatte eine wunderbar positive Ausstrahlung.
Und wie es der Zufall so will, ähneln sich unsere Hintergründe sehr. Auch Franziska ist Coach, Supervisorin und Organisationsberaterin. Zudem ist sie eine Frau, die konsequent ihren eigenen Weg geht.
Hier ist es also: mein allererstes Interview auf meinem Blog 🤩 Ein Gespräch über die Rollen von Frauen, Erwartungen und den Mut, den eigenen Hut in den Ring zu werfen.
Schluss mit dem Funktionieren: Raus aus der Perfektionsfalle
Magdalena: Franziska, wir beide sind Coaches, wir kennen die Theorie. Aber lass uns mal die Fassade einreißen: Viele Frauen, die meinen Blog lesen, fühlen sich wie Statistinnen in ihrem eigenen Leben. Sie funktionieren als Mutter, Partnerin und im Job. Aber sie spüren sich selbst nicht mehr. Du sagst, wir müssen nicht alle Karriere machen, aber wir müssen lernen, für uns einzustehen. Haben wir uns als moderne Frauen ein neues Gefängnis gebaut, in dem wir glauben, nur dann wertvoll oder erfolgreich zu sein, wenn wir beruflich abliefern?
Franziska: Ich erlebe das ehrlich gesagt anders. Ich fühle mich nicht gefangen, im Gegenteil. Ich erlebe mich als einen sehr freien, selbstbestimmten Menschen. Ich kann mir Pausen nehmen, ich weiß, wann ich mich zurückziehen muss, und ich weiß auch, wann ich Raum einnehmen will.
Das kommt nicht von ungefähr. Das kommt daher, dass ich mich sehr intensiv mit mir selbst beschäftigt habe: mit meinen Motiven, meinen Grenzen, meinen Zielen.
Wertvoll bin ich für mich nicht, wenn ich etwas leiste, sondern wenn ich in echten Beziehungen bin. Wenn ich merke, dass ich für andere Bedeutung habe. Nicht durch Funktion, sondern durch Begegnung. Das ist für mich der Kern von Selbstverwirklichung.
Mythos Powerfrau: Gestalten statt Gefallen
Magdalena: Dein Weg: zweiter Bildungsweg, Führungskraft, Mutter. Klingt für viele nach dieser klassischen „Powerfrau“-Erzählung. Was geht dir durch den Kopf, wenn du so bezeichnet wirst?
Franziska: Ich mag diesen Begriff überhaupt nicht. Er teilt Frauen in „stark“ und „nicht stark“. Als gäbe es eine Skala, auf der wir uns gegenseitig bewerten müssten. Und das ist Unsinn. Jede Frau ist stark, nur in unterschiedlichen Kontexten und mit unterschiedlichen Ressourcen.
Und ehrlich: Warum gibt es keinen Power Mann? Männer dürfen einfach kompetent, wirksam und führend sein. Frauen bekommen ein Sonderetikett. – als wäre es etwas Außergewöhnliches, wenn sie ihren Platz einnehmen.<br>Ja, ich habe viel Energie. Aber das macht mich nicht mehr wert als andere Frauen. Es macht mich einfach zu mir.
Was meinen Weg angeht: In meinem Umfeld gab es nie jemanden, der von mir erwartet hätte, Karriere zu machen. Eher im Gegenteil. Als ich nach meiner Ausbildung mein Abitur nachholen wollte, war mein Umfeld eher irritiert, denn ich hatte einen sicheren, gut bezahlten Job.
Ich bin diesen Weg nie gegangen, um jemandem etwas zu beweisen. Führung, Entwicklung, Lernen – das ist Teil meiner Identität. Ich wollte gestalten, nicht gefallen.
Gesunder Egoismus: Warum du dich selbst ernst nehmen darfst
Magdalena: Irgendwer zahlt doch immer den Preis, wenn eine Frau sich selbst in den Fokus rückt. Verstecken wir uns nicht oft hinter Mutterrolle oder Alltag, um der Frage auszuweichen: Wer bin ich, wenn ich niemandem dienen muss?
Franziska: Wenn Frauen Raum einnehmen, führt das oft zu Irritation. Das erlebe ich auch. Ich bin klar, ich bin laut, ich habe Standpunkte – und das bringt Menschen manchmal aus dem Gleichgewicht. Aber das ist kein Egoismus. Das ist Sinn.
Ich glaube sehr an das, was Schulz von Thun beschreibt: Wunscherfüllung entsteht durch Sinnerfüllung.
Ich lebe meinen Sinn. Und daraus entstehen meine Wünsche nach Führung, Gestaltung und Wirksamkeit.<br>Diese Egoismusfrage wird fast nur Frauen gestellt. Männer werden gefragt, was sie wollen. Frauen, ob sie dürfen.
Wenn Frauen sich selbst in den Fokus rücken, nehmen sie sich nicht mehr – sie nehmen sich endlich (!) ernst.
Lebenslauf vs. Lebensglück: Was willst du wirklich?
Magdalena: Nicht jede Frau muss Karriere machen! Das kann entlasten oder eine Ausrede sein. Wie unterscheiden wir das?
Franziska: Ich nehme sehr ernst, wenn Frauen sagen, dass sie sich nicht trauen. Das ist kein Charakterfehler, sondern ein Zustand. Und Zustände lassen sich verändern.
In meiner Arbeit erlebe ich viele Frauen, die ihre Wünsche sehr wohl kennen, sie aber erst in einem sicheren Raum formulieren können. Genau dafür gibt es Coaching.
Der Unterschied ist spürbar: Eine echte Entscheidung fühlt sich ruhig an. Ein Rückzug fühlt sich eng an. Ich wollte nie Titel. Ich wollte Gestaltung. Verantwortung. Wirkung. Und das kann – muss aber nicht – über eine klassische Karriere laufen.
Gleichberechtigung & Mental Load: Wenn sich das System Partnerschaft ändert
Magdalena: Wenn eine Frau ihren Hut in den Ring wirft, wirbelt das die Partnerschaft auf. Muss man sich diesen Raum nicht nehmen, auch wenn es kracht?
Franziska: Für mich ist klar: Selbstverwirklichung ist kein Verhandlungsgut. Sie ist ein Recht. Egal, ob eine Frau Karriere macht oder nicht, eine faire Aufteilung von Care-Arbeit, Verantwortung und mentaler Last ist die Basis. 50/50 oder sehr nah daran.
Systemisch stimmt: Wenn sich eine Frau bewegt, bewegt sich das ganze System. Aber ein gesundes System hält Entwicklung nicht nur aus, es feiert sie.
Wenn ein Umfeld die Selbstverwirklichung einer Frau nicht mittragen kann, hat das selten mit ihr zu tun. Meist geht es um das Ego, die Unsicherheit oder die Rollenbilder der anderen.
Mut zur Veränderung: Gib dir die innere Erlaubnis
Magdalena: Was sagst du der Frau, die das hier liest und denkt: ‚Ich würde ja so gern, aber ich schaffe das nicht‘?
Franziska: Ich würde ihr sagen: Du musst dich nicht überfordern. Aber du darfst dir vertrauen. Du darfst deine Wünsche aussprechen. Du darfst sie prüfen. Du darfst sie verändern. Und du darfst einen Raum dafür einfordern – in dir selbst und im Außen.
Nicht jede Frau muss Karriere machen. Aber jede Frau darf sich ernst nehmen. Und ihren Hut in den Ring werfen, für das, was ihr wirklich wichtig ist.
Magdalena: Vielen lieben Dank, Franziska!
Reflexion & Erkenntnis: Selbstverwirklichung hat kein festes Format
Dieses Gespräch mit Franziska hat mich nachhaltig bewegt, weil es einen so wichtigen Punkt trifft: Selbstverwirklichung hat kein festes Format. Sie bedeutet nicht für jeden von uns das Gleiche. Für die eine ist es die berufliche Führungsposition, für die andere ist es das Ausleben eines kreativen Hobbys oder die bewusste Gestaltung des Familienalltags nach eigenen Werten.
Was ich persönlich aus diesem Interview mitnehme:
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Hör auf zu vergleichen: Die „Powerfrau“ ist ein Etikett von außen, keine Messlatte für dein Glück.
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Ehrlichkeit siegt: Wenn wir aufhören, so zu tun, als hätten wir alles im Griff, erlauben wir anderen (und uns selbst), menschlich zu sein.
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Dein Raum gehört dir: Du musst nicht um Erlaubnis fragen, um deine Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Fazit: Wir müssen keine „Super-Eltern“ oder „Karriere-Maschinen“ sein, um wertvoll zu sein. Wir sind es bereits, weil wir in Beziehung treten, weil wir lieben und weil wir uns trauen, wir selbst zu sein, auch wenn es mal ruckelt.
Und wenn auch du einmal in einem Interview mit mir einen ehrlichen Blick hinter deine Kulissen geben möchtest, um andere Eltern zu stärken, eine Geschichte zu erzählen hast oder einfach nur deine Erfahrungen teilen möchtest, dann schreibe mir gerne eine E-Mail an hallodu@magdalenaochs.de. Ich freue mich auf dich!
Magdalena Ochs
