Vor einigen Tagen stand ich vor der Grundschule meiner Kinder und erlebte eine Situation, die mich noch lange beschäftigt hat:

Ein Junge rannte nach Schulschluss freudig zu seiner Mutter, doch seine Freude wich schnell einer großen Enttäuschung: „Ich habe nur 27 Punkte. Ist eine 2, keine 1.“ Die Mutter reagierte liebevoll und verständnisvoll, ihre Stimme war sanft und ihre Umarmung ehrlich: „Ach Schatz, aber das ist doch nicht schlimm. Eine 2 ist doch auch super.“ Doch plötzlich füllten sich die Augen des Jungen mit Tränen. Er fing an bitterlich zu weinen. Auf Nachfragen seiner Mutter nickte er schließlich: es war wegen der Note.

Ich spürte diesen Jungen so sehr. Diesen Moment der Enttäuschung, seinen Schmerz und vielleicht auch seine Wut. Der innere Druck musste raus, seine Tränen waren das Ventil. Wahrscheinlich hatte er sich gut vorbereitet gefühlt, gehofft, gewünscht und vielleicht sogar erwartet, eine 1 zu schreiben. Und nun fühlte sich die 2 wie ein persönliches Versagen an – seine kleine Welt geriet kurz aus den Fugen. Für uns Erwachsene vielleicht kaum der Rede wert – doch für ihn war es in diesem Moment alles: Ein kleiner persönlicher Weltuntergang!

Die Mutter blieb zugewandt und tröstend, sagte: „Ach komm, das ist doch nicht so schlimm. Deswegen musst du doch nicht weinen…!“ Der Moment dauterte nicht lange an. Eine feste liebevolle Umarmung, ein paar weitere tröstende Worte – und schon war alles vorbei: Tränen getrocknet, Arm um den Jungen gelegt, ab nach Hause.

Aber war es wirklich vorbei?

 

Was Kinder in solchen Momenten wirklich brauchen

Ich fragte mich direkt, was dieser Junge in diesem Moment wirklich gebraucht hätte? 

Wahrscheinlich kein Trost im klassischen Sinne. Vielleicht hätte es gereicht, einfach nur für ihn DA zu sein. Nicht zu bewerten. Sondern einfach nur zu halten. Zu schweigen. Ihm zu signalisieren: „Ich sehe dich. Ich sehe deinen Schmerz. Ich verstehe ihn. Und er darf da sein.“ 

Ist es nicht das, was auch ICH mir in einem Moment der Verzweiflung, Enttäuschung und Traurigkeit von meinem Gegenüber wünsche?

Vielleicht hast du auch schon selbst so einen Moment erlebt: Du willst dein Kind oder dein Gegenüber beruhigen, trösten oder in Relation setzen, damit es ihm schnell wieder besser geht. Doch wie auch die Mutter des Jungen, tust Du damit ganz unbewusst das Gegenteil: Du nimmst dem Gefühl seinen Raum!

Denn Gefühle lassen sich nicht wegsprechen. Nicht durch Worte wie „Das ist doch nicht so schlimm“ oder „Das ist doch kein Grund zum Weinen“

Was Kinder in solchen Momenten wirklich brauchen, ist unsere Erlaubnis zum Fühlen. Sie benötigen einen Raum, enttäuscht, wütend oder auch traurig zu sein – und darin gehalten zu werden. Denn schon das kleinste “Aua” hat genauso viel Bedeutung wie eine unerfüllte Erwartung oder eine andere starke Emotion. 

Denn genau das fehlt oft im Alltag mit unseren Kindern: Raum für Gefühle. Wir meinen es gut, wenn wir trösten. Doch in unserem Trost liegt ganz unbewusst ein kleines „nicht so schlimm“ versteckt. Und das kann für Kinder bedeuten, dass ihre Gefühle nicht wichtig und sogar falsch sind.

Dabei ist genau das Gegenteil wichtig: Kinder brauchen das Gefühl, dass ihre Emotionen gesehen, ernst genommen und gehalten werden. Dass sie nicht zu viel sind. Nicht falsch. Sondern genau richtig, so wie sie sind!

Und auch wenn wir meinen, wir müssten unseren Kinder in solchen Momenten beibringen, wie man mit Enttäuschung umgeht, wie man Probleme relativiert oder wie man schnell wieder nach vorne schaut… es darf ausreichen einfach nur das zu sein und sie zu halten! Dadurch lernen Kinder ganz natürlich, ihre Gefühle wahrzunehmen, ihre Bedürfnisse zu erkennen und mit der Zeit auch selbst für sich zu sorgen. Nicht durch Erziehung. Sondern durch echtes Mitgefühl!

Und vielleicht ist das sogar das Wichtigste, was wir unseren Kindern mitgeben können: Dass sie mit all ihren Gefühlen willkommen bei uns sind.

Doch was passiert, wenn wir diesem Raum nicht geben? Was passiert in den Kindern, wenn ihre Gefühle nicht gehört werden?

 

Wenn negative Gefühle keinen Raum haben: Warum es wichtig ist, Emotionen ernst zu nehmen

Ich möchte dir von einem weiteren Beispiel erzählen, das zeigt, welche Wirkung es hat, wenn wir Erwachsene unbewusst Emotionen kleinreden, anstatt ihnen Raum zu geben:

Ein zehnjähriges Mädchen erzählt zu Hause, wie ungerecht sie es findet, dass immer dieselbe Schülerin ihrer Klasse vorzeigen darf: “Das ist unfair! Immer darf sie, nie ich! Dabei kann ich das doch auch!” Die Reaktion der Mutter kommt direkt und ganz sicher in Liebe gesagt: „Sei doch nicht neidisch, dafür kannst Du andere Dinge gut.“

Und auch hier: Das Gefühl der Tochter hat keinen Raum. Keine Anerkennung. Kein Verständnis. Stattdessen bekommt sie die Botschaft: Dein Gefühl ist nicht richtig!

Doch ist Neid nicht eine zutiefst menschliche Reaktion? Wären wir in dem Alter nicht auch verletzt gewesen? Hätten wir uns nicht auch mehr Gerechtigkeit gewünscht – und Verständnis von unseren Eltern?

 

Warum es schädlich sein kann, Kindern den Raum für ihre Gefühle zu verwehren

Wenn Kinder in ihren Gefühlen nicht ernst genommen oder übergangen werden, kann das tiefgreifende Auswirkungen auf ihre emotionale Entwicklung haben. Psychologische Studien zeigen, dass das Ignorieren oder Abwerten von Emotionen dazu führen kann, dass Kinder eine schwache emotionale Selbstwahrnehmung entwickeln, d.h. ihre eigenen Gefühle nicht erkennen oder einordnen können. Sie verlieren den Zugang zu ihrer emotionalen Selbstwahrnehmung und lernen, ihre Bedürfnisse zu unterdrücken.

Dies kann langfristig ihre Konfliktfähigkeit beeinträchtigen und zu einem geringen Selbstwertgefühl führen. Sie beginnen zu glauben, dass ihre Emotionen unangemessen oder sogar „falsch“ sind. Sie ziehen sich zurück oder passen ihr Verhalten an, um nicht weiter negativ aufzufallen und sstatt sich ihren eigenen Gefühlen zu stellen, entwickeln sie Verhaltensweisen, die sich stärker an den Erwartungen von uns Erwachsenen orientieren.

Spüren Kinder also keinen respektvollen Raum für ihre Emotionen, verbergen sie allmählich ihre wahren Gefühle. Sie versuchen, den äußeren Anforderungen gerecht zu werden, ohne sich selbst und ihren Gefühlen den Raum zu geben, den sie eigentlich benötigen. Das wiederum kann dazu führen, dass ihre emotionale Selbstwahrnehmung zunehmend abgestumpft wird.

Dabei wünschen wir uns doch sehnlichst für unsere Kinder, eine gesunde Beziehung zu ihren eigenen Bedürfnissen aufzubauen. Wir Eltern möchten unter allen Umständen verhindern, dass unsere Jüngsten an sich selbst zweifeln oder ihre Gefühle oder Bedürfnisse in Frage stellen. Dies zumindest zeigen mir immer wieder meine Gespräche im Kindercoaching!

 

Was Kinder für ihre emotionale Entwicklung und Raum für ihre Gefühle brauchen

Was also brauchen Kinder, damit sie in ihrer Gefühlswelt gesund wachsen und sich sicher fühlen können? Die Antwort liegt in drei wesentlichen Aspekten: Raum, Sicherheit und ein empathisches Gegenüber.

Kinder brauchen also Erwachsene, die nicht nur erziehen, sondern begleiten. Die nicht sofort reagieren, sondern aushalten. Die zuhören, statt immer nur zu erklären.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist dieser emotionale Raum essentiell: Das kindliche Gehirn ist noch mitten in der Reifung. Gefühle können noch nicht differenziert benannt oder reguliert werden. Kinder sind auf ein Gegenüber angewiesen, das ihnen hilft, diese Emotionen einzuordnen. Nicht, indem es sie bewertet oder unterdrückt, sondern indem es sie spiegelt und mitträgt.

Nur so entwickeln Kinder eine gesunde Selbstwahrnehmung, die Fähigkeit zur Selbstregulation, ein stabiles, sicheres Bindungserleben und den Mut, auch schwierige Gefühle zuzulassen.

 

Meine persönliche Erfahrung – und was meine Kinder mich gelehrt haben 

Als Mutter habe ich selbst gelernt, was es bedeutet, einem Kind wirklich Raum zu geben: Meine Kinder tragen ihr Herz auf der Zunge – Gefühle zeigen sie uns direkt und schonungslos – Freude, Spaß, Traurigkeit oder Wut.

Früher hatte ich das Bedürfnis sofort zu reagieren: ich wollte beruhigen, gut zureden, meine eigenen Erfahrungen teilen, Lösung anbieten. Doch all das hat nicht wirklich geholfen und es ging niemandem wirklich besser. Die Notwendigkeit war also da, etwas Neues zu probieren: Raum geben und Aushalten! 

Meine Kinder sind weiterhin emotional sehr stark – heute sehe ich es als eine ihrer größten Stärken. Und so bleibe ich still. Ich bin da. Und ich halte aus. Ich frage was sie brauchen.  Und manchmal – mitten in einem extremen Gefühl – höre ich meine Kinder sagen: „Ich will, dass du mich einfach nur hältst.“ oder: „Geh nicht, ich kann mich ohne dich nicht beruhigen.”

Sie haben erfolgreich gelernt – und lernen immernoch – zu benennen, was sie inmitten ihrer stärksten Emotion am meisten brauchen. Meine Umarmung. Meine Gesellschaft. Meine Nähe. Und das ist für mich eines der größten Geschenke unserer Beziehung!

 

Wie du deinem Kind mehr Raum geben kannst – 5 konkrete Impulse für Eltern

Es ist für uns Eltern eine echte Herausforderung, dem Kind den benötigten Raum für seine Gefühle zu geben. Besonders wenn wir uns wünschen, das Gefühl “besser“ zu machen oder den Schmerz sofort zu lindern. Doch genau hier liegt der Schlüssel: Es geht nicht darum, die Gefühle des Kindes zu „reparieren“, sondern es in seiner emotionalen Erfahrung zu begleiten. 

Hier sind fünf einfache, aber kraftvolle Impulse, die dir helfen können, deinem Kind den Raum zu geben, den es für seine emotionale Entwicklung braucht:

  1. Stille aushalten: Du musst nicht sofort sprechen. Oft wirkt deine bloße Präsenz mehr als Worte. Die Stille zuzulassen, gibt deinem Kind die Gelegenheit, seine eigenen Gedanken und Gefühle zu sortieren. Es braucht nicht immer sofort eine Lösung, deine ruhige Nähe reicht oft aus.
  2. Gefühle spiegeln: Anstatt das Gefphl durch ein “Das ist doch nicht schlimm“ zu schmälern, versuche es mit: „Du bist echt enttäuscht, oder?“. Damit gibst du deinem Kind das Gefühl, dass seine Emotionen gesehen und verstanden werden, ohne sie sofort abzuwerten oder zu relativieren.
  3. Nicht relativieren: Auch wenn es für dich kein Drama ist, für dein Kind fühlt sich die Situation gerade sehr wichtig an. Und das zählt. Es ist entscheidend, diese Perspektive zu respektieren und die Gefühle des Kindes als solche anzuerkennen, ohne sie zu verharmlosen.
  4. Sanft fragen: Frage dein Kind liebevoll: “Was brauchst Du gerade?”. Und auch wenn dein Kind vielleicht noch nicht genau weiß, was es braucht, förderst du damit seine Fähigkeit, sich selbst zuzuhören und eine stärkere Selbstwahrnehmung zu entwickeln.
  5. Nicht belehren, sondern begleiten: Gefühle sind keine Lehrmomente, sondern Beziehungsmomente. Anstatt deinem Kind eine Lösung oder einen Ratschlag anzubieten, begleite es auf seiner emotionalen Reise. Deine empathische Unterstützung ist der größte Trost, den du ihm in diesem Moment geben kannst.

Indem du deinem Kind Raum für seine Gefühle schaffst und es mit Empathie begleitest, stärkst du nicht nur seine emotionale Intelligenz, sondern auch das Vertrauen und die Bindung zwischen euch. Dein Kind lernt, dass seine Gefühle nicht nur akzeptiert werden, sondern dass es in seiner Gefühlswelt verstanden wird.

Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, lies gern meinen Artikel: „Aushalten statt unterdrücken – wenn Gefühle laut werden“

 

Fazit: Wir müssen unsere Kinder nicht vor jeder Enttäuschung bewahren. Aber wir können ihnen zeigen, dass sie in jedem Gefühl gehalten sind. Kinder brauchen keinen Trost, der ihre Gefühle wegwischt. Sie brauchen Menschen, die da bleiben, auch wenn es unangenehm ist. Lass also die Gefühle deines Kindes einfach nur sein, denn sie wollen nichts zerstören, sie wollen gehört werden. Denn das ist es, was unsere Kinder emotional stark macht und schlussendlich lernen lässt: Ich darf fühlen. Ich bin richtig. Ich bin menschlich. Und ich bin nicht allein.


Magdalena Ochs