Aushalten statt unterdrücken: wenn Gefühle laut werden
Hast du schon einmal erlebt, wie ein Kind im Supermarkt plötzlich laut schreit, weil es etwas haben möchte? Die Mutter sagt Nein, und das Chaos beginnt. Der Puls der Mutter steigt, sie spürt die Blicke der anderen und ihr eigenes Unwohlsein macht sich breit. Was geht dir in diesem Moment durch den Kopf? Wie reagierst du selbst, wenn die Emotionen deines Kindes so richtig laut werden?
Die meisten Eltern neigen in solchen Momenten dazu, schnellstmöglich Ruhe herzustellen: „Hör auf zu schreien”, “Beruhige dich!“ oder „Stell dich nicht so an, es ist nur ein Eis“.
Doch warum tun wir das eigentlich?
Die Antwort darauf, warum es uns so schwerfällt, die Gefühle unserer Kinder auszuhalten, hat oft mit unseren eigenen Kindheitserfahrungen zu tun. Wir haben gelernt, dass Gefühle wie Wut, Traurigkeit oder Enttäuschung unerwünscht und unangebracht sind. Diese Erfahrungen nehmen wir mit und erleben ähnliche Gefühle als Erwachsene als unangemessen.
Hand aufs Herz! Welche Botschaften über Gefühle hast Du mit auf den Weg bekommen?
Vielleicht ist es also an der Zeit, diese Muster zu hinterfragen! Anderenfalls geben wir sie unbewusst an unsere Kinder weiter – und verhindern, dass sie lernen, mit ihren Emotionen gesund umzugehen. Ein Teufelskreis…
Warum es uns so schwer fällt, Emotionen unserer Kindern auszuhalten
Es gibt viele Gründe, warum wir als Eltern Schwierigkeiten damit haben, emotionale Ausbrüche unserer Kinder zu begleiten:
- Eigene emotionale Trigger: Wenn unser Kind wütend ist oder weint, können alte Verletzungen in uns aktiviert werden. Vielleicht durften wir früher selbst nicht traurig oder wütend sein, und deshalb lösen diese Gefühle heute Unbehagen aus. Welche Emotionen haben dir als Kind Schwierigkeiten bereitet?
- Das Bedürfnis nach Kontrolle: Lautes Weinen oder Wutanfälle fühlen sich oft chaotisch an. Viele Eltern möchten die Lage unter Kontrolle bringen, statt sich dem Chaos hinzugeben. Was aber würde passieren, wenn du dem Chaos einen Moment lang Raum gibst?
- Scham: Viele Eltern empfinden Scham, wenn ihr Kind in der Öffentlichkeit starke Emotionen zeigt – oft, weil sie selbst als Kinder für ihre Gefühle beschämt wurden. Diese Scham kann dazu führen, dass sie unbewusst versuchen, die Emotionen ihrer Kinder zu unterdrücken. Erkennst du dich wieder in diesem Gefühl?
- Die gesellschaftliche Erwartung: Eltern stehen unter Druck, ihre Kinder „im Griff“ haben zu müssen. Ein tobendes Kind wird schnell als schlechtes Erziehung-Zeugnis wahrgenommen. Fühlst auch du dich von den Blicken anderer beeinflusst?
Was passiert, wenn Kinder lernen, ihre Gefühle zu unterdrücken?
Wenn wir die starken Gefühle unserer Kinder nicht aushalten, sondern versuchen, sie abzulenken oder zu unterdrücken, lernen sie unbewusst eine Reihe von belastenden Botschaften.
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Deine Emotionen sind unerwünscht und unangemessen.
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Für deine Emotionen gibt es hier keinen Platz.
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Vermeide starke Gefühle in der Öffentlichkeit.
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Verberge intensive Gefühle vor Anderen.
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Belaste deine Mitmenschen nicht mit deinen Gefühlen.
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Mach starke Gefühle mit dir selbst im Stillen aus.
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Du bist mit intensiven Emotionen alleine.
Wenn wir die Gefühle unserer Kinder unterdrücken, können daraus ungesunde Muster entstehen. Kinder, die nicht lernen, ihre Emotionen zu benennen und gesund auszudrücken, haben später oft Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu erkennen und zu regulieren. Sie können entweder ihre Emotionen völlig unterdrücken oder von ihnen überwältigt werden. Dies kann im Erwachsenenalter zu Stress, Beziehungsproblemen oder sogar Depressionen führen.
Mein persönliches Aushalten von intensiven Gefühlen
Als Mutter von gefühlsstarken Kindern stand ich anfangs oft vor der Herausforderung, mit ihren intensiven Gefühlen wie Wut und Frust umzugehen. Besonders die Momente, in denen ihre Emotionen laut und manchmal sogar in Handgreiflichkeiten oder Zerstörungswut ausbrachen, forderten mich an meine Grenzen. Es gab Zeiten, in denen ich mich völlig überfordert und hilflos fühlte, was mich an meinen Qualitäten als Mutter zweifeln ließ. Doch mit der Zeit wurde mir klar, dass der Schlüssel nicht in der sofortigen Lösung von Konflikten lag, sondern vielmehr in meiner Fähigkeit, ruhig zu bleiben und ihnen Raum zu geben, ihre Gefühle zu durchleben.
Ich begann zu verstehen, dass ihre starken Emotionen nicht gegen mich gerichtet waren, sondern Ausdruck ihrer eigenen inneren Notwendigkeit, Gefühle zu erleben und zu verarbeiten. Es war wichtig für mich, mich emotional abzugrenzen und nicht in alte, persönliche Wunden aus meiner Kindheit zu fallen. Erst als ich dieses Bewusstsein entwickelte, konnte ich damit beginnen, ihnen mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Ich merkte, dass es nicht darum geht, sofort eine Lösung zu finden oder die Situation zu „entschärfen“, sondern darum, einfach da zu sein und zu akzeptieren, dass ihre Emotionen Teil des Prozesses sind.
Heute gebe ich meinen Kindern bewusst den Raum, ihre Gefühle auszudrücken, ohne sie sofort in eine andere Richtung lenken zu wollen. Ich akzeptiere, dass ihre Emotionen manchmal chaotisch oder übertrieben erscheinen, aber ich weiß, dass auch diese Gefühle ihren Platz haben. Statt zu urteilen oder zu kontrollieren, begleite ich sie durch diese Phasen, ohne die Emotionen zu minimieren. Es ist mir wichtig, ihnen zu zeigen, dass alle Gefühle – ob Freude, Wut oder Traurigkeit – ihren Platz haben dürfen, und dass sie nicht vor ihren eigenen Gefühlen fliehen müssen.
Praktische Tipps für Eltern: Wie man Kinder bei starken Emotionen unterstützt
Aushalten ist erlernbar – und das ist wirklich ein großer Schritt! Wenn du dich selbst herausfordern möchtest, mit den intensiven Gefühlen deiner Kinder anders umzugehen, dann habe ich hier einige praktische Tipps, die dir helfen können:
- Bewusstwerden der eigenen Prägungen: Stelle dir die Frage: „Wie wurde mit meinen Emotionen als Kind umgegangen? Sehe ich Parallelen zwischen dem Verhalten meiner Eltern und meinem Verhalten gegenüber meiner Kinder bezugnehmend auf den Umgang mit Gefühlen?” Dieses Bewusstsein ist der erste Schritt zur Veränderung.
- Achtsamkeit in herausfordernden Momenten: Wenn dein Kind schreit oder wütend ist, spüre in dich hinein. Atme tief durch, bevor du reagierst. Besinne dich auf deine Elternrolle und rutsche nicht in dein Kind-Ich. Was verändert sich, wenn du nicht sofort handelst, sondern einen Moment innehältst?
- Empathische Begleitung statt Ablenkung: Statt zu sagen „Ist doch nicht so schlimm“, könntest du sagen: „Ich sehe, wie wütend Du bist. Das ist okay.“ Bewerte nicht das Warum und distanziere dich von einer möglichen Belehrung. Dein Kind lernt dadurch, dass alle Emotionen sein dürfen und ihren Raum haben. Wie fühlt es sich für dich an, einfach nur da zu sein?
- Vermeide sofortige Lösungen: Anstatt sofort Lösungen anzubieten oder eigene Erfahrungen zu teilen, gib deinem Kind den notwendigen Raum, seine Gefühle auszuleben. Wenn wir zu schnell eingreifen, kann es sich für das Kind anfühlen, als würden wir seine Emotionen schmälern. Sei nur präsent und lass dein Kind fühlen.
- Aushalten heißt nicht, unangemessenes Verhalten zu tolerieren: Dein Kind darf wütend sein, aber nicht schlagen oder andere verletzen. Setze liebevolle, aber klare Grenzen. Bespreche diese in einem ruhigen Moment, nicht aber währenddessen – hier reicht eine kurze und bestimmte Erinnerung.
- Langfristige Perspektive einnehmen: Frage dich in ruhigen Momenten: „Wie möchte ich, dass mein Kind später mit seinen Gefühlen umgeht?“ Indem du heute Raum für Emotionen gibst, ermöglichst du deinen Kindern eine gesunde emotionale Entwicklung.
- Dem Gefühl einen Namen geben: Benenne die Emotionen deines Kindes, um Distanz zu schaffen. Ist dein Kind beispielsweise wütend, könntest du sagen: „Ah, du hast gerade einen richtig großen Wut-Sturm.“ Indem du das Gefühl benennst, machst du es greifbar und zeigst deinem Kind, dass du die Emotion anerkennst, ohne dich von ihr überwältigen zu lassen. So setzt du eine klare Grenze und zeigst, dass du da bist, aber nicht für die Gefühle deines Kindes verantwortlich bist.
Wie du als Elternteil deine eigenen Gefühle besser aushältst
Ein entscheidender Schritt auf dieser Reise ist, wie wir als Eltern mit unseren eigenen Gefühlen umgehen. Zeigen wir unseren Kindern, dass es okay ist, Gefühle aller Art zu haben, sie auszuleben und auch darüber zu sprechen? Oder verstecken wir unsere Emotionen, verschließen uns und unterdrücken sie – nur um dann in schwierigen Momenten plötzlich in die Luft zu gehen?
In meinen Coachings begegnen mir immer wieder Eltern, die sich wünschen, dass ihre Kinder lernen, besser mit ihren Gefühlen umzugehen, in erster Linie mit Wut und Frust. Doch häufig stelle ich fest, dass diese Eltern selbst nie gelernt haben, ihre Emotionen zu akzeptieren und offen zu zeigen. Sie machen alles mit sich selbst aus, bis sie schließlich in einem Ausbruch von Wut explodieren – für die Kinder dann oft völlig unerklärlich, woher diese starke Emotion plötzlich kommt. Wir müssen daher mit starkem Vorbild vorangehen, denn Kinder lernen vor allem in den ersten Lebensjahren durch Nachahmung! Um also unseren Kindern zu helfen, ihre Gefühle gesund auszudrücken und zu regulieren, müssen wir ihnen vor allem eines vermitteln:
- Es ist in Ordnung Gefühle zu haben.
- Jedes Gefühl hat seine Daseinsberechtigung.
- Gefühle dürfen gezeigt werden.
- Du bist mit all deinen Gefühlen richtig.
Die Reise zu uns selbst und zu einem achtsamen Umgang mit unseren eigenen Emotionen ist also der erste Schritt, um unseren Kindern ein gesundes Vorbild zu sein. Wenn wir uns trauen, unsere Gefühle zu benennen und in die Welt zu tragen, zeigen wir unseren Kindern, dass es keine Schwäche, sondern eine Stärke ist, sich mit den eigenen Emotionen auseinanderzusetzen!
Fazit: Das Aushalten der intensiven Gefühle unserer Kinder ist eine herausfordernde Reise, die uns als Eltern nicht nur fordert, sondern auch wachsen lässt. Sie eröffnet uns die Möglichkeit, unseren Kindern wichtige Lebenskompetenzen wie Selbstregulation und Empathie zu vermitteln. Anstatt sofort Lösungen anzubieten oder das Chaos zu beenden, lernen wir, die Emotionen unserer Kinder zu akzeptieren und ihnen Raum zu geben. Indem wir ihnen zeigen, dass alle Gefühle ihre Berechtigung haben, unterstützen wir ihre gesunde emotionale Entwicklung und geben ihnen ein wertvolles Werkzeug für ihr Leben mit. Und wenn du beginnst, deine eigenen Emotionen achtsam zu begleiten, legst du das Fundament für eine gesunde emotionale Entwicklung bei deinen Kindern. Gleichzeitig wirst du selbst lernen, deine eigenen Gefühle mit mehr Gelassenheit zu akzeptieren – ein Geschenk für euch beide!
Magdalena Ochs
